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Eine kleine Geschichte
des Olivenanbaus in Deutschland


von Hartmut Schönherr - 12. Juni 2010


Olivenanbau in Deutschland? Nun, die Klimaerwärmung hat dazu beigetragen, dass dieses Thema heute nicht mehr ganz so absurd klingt. Und Suchmaschinen liefern auf die Anfrage "Olivenhain Deutschland" bereits einige entsprechende Projekte - darunter das auf den folgenden Webseiten vorgestellte.



Wer sich mit dem Klimawandel beschäftigt, der kommt zwangsläufig auch mit der Klimageschichte in Berührung. Und erfährt zum Beispiel, dass zur Römerzeit die Alpen bis in Höhen von 2800 Meter gletscherfrei waren. In Mitteleuropa dürften daher die Winter erheblich milder gewesen sein als heute.


Da liegt der Verdacht nahe, dass in der Antike der eine oder andere heimwehkranke römische Gutshofbesitzer in den Provinzen Germania Superior und Germania Inferior einen Olivenbaum von "zuhause" in seiner Anlage gepflanzt hat. Auch wenn das römische Reich sein Olivenöl vor allem aus Spanien und Nordafrika bezog, war die in engerem Sinne "heimische" Produktion nicht unbedeutend, immerhin empfiehlt M.P. Cato in "De agri cultura" 150 v. Chr. (Datum umstritten) seinen Landsleuten den Olivenanbau als hoch profitabel. Olivenhaine in nenneswertem Umfang dürften in den germanischen Provinzen jedoch nicht existiert haben, dazu gab es wahrlich geeignetere Provinzen. Der häufige Regen in Germanien dürfte Oliven nicht gefallen haben. Während zu den Moselweinbergen der Römerzeit zahlreiche verwaltungstechnische, literarische und archäologische Belege existieren, sind bisher keine Dokumente zu einem Olivenanbau bekannt. Allerdings waren Olivenhaine im römischen Reich nicht genehmigungspflichtig wie Weinberge - und völlig ausgeschlossen ist eine bescheidene Olivenölproduktion z.B. an der Mosel nicht.


"Une production d'huile en Belgique et en Germanie?", fragt denn auch Jean-Pierre Brun vorsichtig in seinem dem Wein- und Olivenanbau gewidmeten Werk "Archéologie du vin et de l'huile en Gaule romaine" 2005. Er stützt sich dabei auf Funde von lokal produzierten Ölamphoren. Er vertieft das Thema dann nicht in Richtung Olivenöl, sondern begnügt sich mit einem Hinweis auf Nussöl. Zu dünn sei die Faktenlage vorläufig noch, differenzierte chromatographische Untersuchungen der gefundenen Ölamphoren auf breiter Basis seien noch durchzuführen, so Brun.


Dass der Römerzeit eine lange Kälteperiode folgte, ist bekannt. Häufig wird sie gar für den Beginn vom Ende des römischen Weltreiches gehalten - als Auslöser einer Völkerwanderung und Ursache von Ernährungsproblemen im Reich. Gegen Ende des ersten nachchristlichen Jahrtausends begann dann wieder ein Klimaoptimum, das des Mittelalters. Es ist durchaus denkbar, dass dann im Bereich des ehemaligen Germaniens einige Olivenbäume der Römer, die das Pessimum der Völkerwanderungszeit überstanden hatten, in besonders geschützten Lagen weiter kultiviert wurden. Die guten Beziehungen der Frankenkönige zu Rom sind bekannt - zumindest sie und ihr Hofstaat dürften Olivenbäume nicht für Unholz gehalten haben. Andererseits ist einzubeziehen, dass auch in Italien der Olivenanbau mit dem Niedergang des römischen Reiches (und den damit zeitgleichen klimatischen Veränderungen) erheblich zurückging. Es waren vor allem Klöster, die im nördlichen Mittelmeerraum das Wissen um den Olivenanbau bis zu seiner breiten Wiederbelebung im 11. Jahrhundert bewahrten.


Es gibt gute Argumente dafür, dass im Hochmittelalter dann einzelne Klöster in unserer Region auf der Basis ihrer sozialen und kulturellen Beziehungen zum Mittelmeerraum auch auf den Gedanken kamen, junge Olivenbäume für Neupflanzungen über die Alpen zu bringen. So empfiehlt Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert Tee/Sud aus Olivenrinde und Olivenblättern als Heilmittel bei Gicht und Verdauungsproblemen (Physica 3-16 - Näheres unter "Vorbilder"). Dies legt die Vermutung nahe, dass sie diesen Baum auch unmittelbar in ihrem Kloster zur Verfügung hatte - wenngleich sie, zurückhaltender, auch die Dattelpalme aufführt, die selbst während des Klimaoptimums wohl kaum im Mittelrheingebiet gedieh. Interessanterweise wird Hildegard in einem Brief des Zisterziensermönches Heinrich aus Maulbronn als "prächtiger Olivenbaum" angesprochen. Dieses keineswegs häufige Bild für Christus oder herausragende Persönlichkeiten im Christentum (mit Bezug auf Römer 11,16-26) ist ein weiteres Indiz für eine besondere und auch konkrete Beziehung der Äbtissin zu diesem Baum. Hildegardis gehörte dem Orden der Benediktiner an, die sich der Wiederbelebung des Olivenanbaus in Norditalien und im Burgund (das damalige Burgund reichte bis zum Mittelmeer) besonders verschrieben hatten. Ihre Klostergründung auf dem Rupertsberg bei Bingen lag zudem in einer klimatisch besonders begünstigten Region Deutschlands und die Zeit der Klostergründung, 1152, fiel in den Kernbereich des mittelalterlichen Klimaoptimums, das bald nach 800 begann und in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts n. Chr. endete.


Die "kleine Eiszeit" vom 15. bis zum 19. Jahrhundert konnten dann eventuell vorhandene Olivenbäume nördlich der Alpen nicht überlebt haben. Erst im 19. Jahrhundert stiegen die Durchschnittstemperaturen in Mitteleuropa wieder signifikant und kontinuierlich an, mit einem Vorlauf ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Eine Serie warmer Winter in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts brachte dann einen Weinbauern bei Neustadt an der Weinstraße dazu, einen Olivenhain in Deutschland anzupflanzen. Der erfror jedoch in den harten Wintern ab 1939.


Die Klimaerwärmungsdebatte verführte Anfang des 21. Jahrhunderts einige Olivenenthusiasten dazu, erneut Olivenhaine in Deutschland anzulegen. Den ersten (und vorläufig nördlichsten) davon haben 2005 die Baumschulinhaber Heinz und Michael Becker sowie der Olivenölhändler Stephan Marzak auf dem Gelände der Baumschule Becker in Pulheim-Stommeln bei Köln begründet. Die Bäume stammten teilweise aus der Olivenbaumsammlung Marzaks, der bereits Anfang der 90er Jahre über sein Unternehmen sortenechte Olivenbäume in Deutschland verkaufte - also nicht die üblichen Oliven aus dem Gartencenter mit der unspezifischen Bezeichnung "Olea europea".


2006 und 2007 fanden auf dem Gelände der Baumschule "Olivenblütenfeste" statt und Anfang 2008 konnte schon die erste Ernte von 25 Kilogramm vermarktet werden. Der Bestand umfasste 2007/08 ca. 110 Bäume auf 1000 qm - wobei 45 Bäume neu gepflanzt waren, also noch nicht nennenswert fruchten konnten. Im Frühjahr 2008 trennten sich die Partner und die Brüder Becker betrieben mit einem Teil des Bestandes und Neupflanzungen den Hain alleine weiter. Der Winter 2008/2009 hat dem Hain sehr zugesetzt. Obgleich etwa dreißig Bäume der Toskana-Sorten Leccino und Olivastra Seggianese noch Vitalität zeigten, haben die Beckers beschlossen, am 8. Mai 2009 einen radikalen Neuanfang zu starten - ausschließlich mit Jungbäumen dieser Sorten. Dafür gibt es gute Gründe. Nach dem Extremwinter 1984/85 hat sich in der Toskana gezeigt, dass Neupflanzungen innerhalb weniger Jahre frostgeschädigte Altanlagen im Ertrag überholen konnten. Der Winter 2009/10 machte dann in Köln nochmals einen Neuanfang notwendig, wobei auch ältere Bäume nachgepflanzt wurden.


Aus dem ersten hatte sich Anfang 2008 der nun in gewissem Sinne älteste Olivenhain Deutschlands abgespalten, nachdem es zwischen den Brüdern Becker und Stephan Marzak zu Meinungsverschiedenheiten gekommen war. Stephan Marzak von "Olive e Più" übersiedelte einen Teil des von ihm eingebrachten Bestandes auf das Gelände der Baumschule "La Cava" in Köln-Widdersdorf - darunter die ältesten in Deutschland aus eingeführtem Pflanzgut groß gewordenen Olivenbäume. Der Hain steht auf einem Gelände von etwa 2000 qm und zählte 2008 etwa 180 Bäume. Auch in Köln-Widdersdorf hat der Winter 2008/09 keine Schonung walten lassen. Die erfrorenen Jungbäume wurden ersetzt durch Leccino und Canino/Canina (eine als robust geltende Sorte aus dem nördlichen Latium in Mittelitalien), ältere Bäume wurden zurückgeschnitten in der Hoffnung, dass sie neu austreiben. Neuaustriebe sind im folgenden Winter 2009/10 zusammen mit den nachgepflanzten Jungbäumen wiederum weitgehend erfroren.


Zeitgleich zur Teilung des Kölner Olivenhains habe ich selbst Anfang 2008 meinen kleinen "experimentellen" Olivenhain in Obergrombach/Kraichgau angelegt. Auf 1600 Quadratmeter ehemaliger Weinbergsfläche pflanzte ich zunächst 26 Heister der Sorten "Leccino", "Maurino" und "Olivastra Seggianese" - alle drei vor allem in der Toskana heimisch. Weitere Bäume unterschiedlicher Sorten und Herkünfte kamen 2009 und 2010 dazu. In den strengen Wintern 2008/09 und 2009/10 habe ich umfangreiche Schutzmaßnahmen mit Einhüllungen durchgeführt. Dennoch wurden zahlreiche Individuen stark geschädigt. Von den Pflanzungen der "ersten Generation" waren im Mai 2010 nur noch zwei Olivastra Seggianese (von acht) und vier Leccino (von vierzehn) in akzeptablem bis gutem Zustand erhalten. Dazu hat in ausgezeichnetem Zustand ein 2009 gepflanztes Exemplar "Ascolana" (von zweien) den Winter überstanden - eine Öl- und Speiseolive aus der mittelitalienischen Region Marche. Gänzlich abgestorben sind lediglich sechs von 34 Heistern/Jungbäumen.


An der Mosel hat ein deutsch-türkisches Ehepaar aus Köln unter großer Medienbegleitung im Frühjahr 2009 einen Olivenhain mit 200 Bäumen türkischer Herkunft (Sorte Memecik) auf 4000 Quadratmetern angelegt, bei Pünderich. Der Hain liegt in einem Weinberggelände direkt am Fluss, mit einem Boden, der "reich ist an Schiefergebröckel", wie ein römischer Autor im 6. Jahrhundert schrieb. Die Betreiber der Anlage sind nebenberuflich im Olivenölhandel tätig und besitzen bereits seit einigen Jahren einen Olivenhain mit 400 Bäumen in der Türkei/Sirinçe. Als Winterschutz wurden an der Mosel Stroheinhüllungen eingesetzt. Nach dem Winter 2009/10 sind oberirdisch allerdings keine vitalen Pflanzenteile verblieben. Die Prognosen für einen Mosel-Olivenhain sind angesichts der temperaturausgleichenden Wirkung des Flusses und der wärmespeichernden Eigenschaften des "Schiefergebröckels" grundsätzlich sehr günstig.


Da verschiedene Klimamodelle auch für die kommenden Jahre eher strenge Winter in Mitteleuropa prognostizieren, wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis realistische Chancen auf die Etablierung eines bescheidenen Olivenanbaus in Deutschland bestehen. Die mit dem aktuellen Klimawandel verbundenen ansteigenden Niederschläge im Winterhalbjahr könnten zu bislang noch vernachlässigten zusätzlichen Problemen für hiesige Olivenbestände führen. Zudem könnten biochronologische Phänomene eine limitierende Rolle spielen.



Nachtrag im Februar 2012: Der Mosel-Olivenhain (Aktül-Schäfer) und der Hain in Köln-Widdersdorf (Marzak) wurden inzwischen wegen wiederholter Frostschäden aufgegeben.


Nachtrag im August 2014: Bei einer Reise in die Eifel entdeckte ich das "Kalendergedicht" des Wandalbert von Prüm (813-870?). Er empfiehlt darin für den Monat August: "Setzt zu den schmackhaften Weinen die liebliche Feige und Pflaume". Der Kontext mit unmittelbaren Erntebildern ("pflückt man vom Baum das reif gewordene Obst") legt es nahe, dass Feigen auch in seinem unmittelbaren Erfahrungsbereich im Kloster Prüm bzw. den zugehörigen Weinbergen an Ahr, Mosel und Rhein gediehen. Natürlich ist einzubeziehen, dass sein Kalendergedicht schriftliche und bildliche Vorbilder hatte, er in klösterlich-gelehrter Bildungstradition publizierte. Dies gilt insbesondere für die bildlichen Darstellungen. Der Textteil kann jedoch deutlich auf seine eigene Lebenswelt bezogen werden. So schreibt er etwa von der "Jagdlust" der Franken und von der Schweinemast im herbstlich-frühwinterlichen Wald, von Frost und Schnee im Winter. Eine weitere Bestätigung, dass das anhebende mittelalterliche Klimaoptimum im Bodensee-Oberrhein-Mittelrhein-Bereich sich auch im Kulturpflanzenspektrum widerspiegelte, findet sich etwa zeitgleich bei Walahfrid Strabo (808/09-849), Abt auf der Reichenau, in dessen Schrift "De cultura hortorum". Er nennt Wermut, Fenchel und Melone.


Nachtrag im Dezember 2014: In den "Annales Colonienses maximi" findet sich zum Winter 1232/33: "Eodem anno hyems solito asperior inhorruit et multas vineas, ficus et olivas per Italiam, Franciam et Teutoniam congelavit."


Nachtrag im Dezember 2015: Aus der Korrespondenz zwischen Martin Luther und Elisabeth von Calenberg erfahre ich, dass Luther in in den Jahren um 1540 Maulbeer- und Feigenpflanzen von Wittenberg nach Münden schickte. Allzu streng war die "kleine Eiszeit" in der Mitte des 16. Jahrhundert wohl in Deutschland noch nicht entwickelt.


Literatur:

Brun, Jean-Pierre: Archéologie du vin et de l'huile en Gaule romaine, 2005
Glaser, Rüdiger: Klimageschichte Mitteleuropas, 2001
Hildegard von Bingen: Ursachen und Behandlung der Krankheiten, 1955
Hildegard von Bingen: Physica, Augsburg: Pattloch, 1997
Hildegard von Bingen: Im Feuer der Taube. Die Briefe, 1997
Walahfrid Strabo: De cultura hortorum/Über den Gartenbau, Reclam 2002
Wandalbert von Prüm: Das Kalendergedicht, Auxilium-Verlag 1992







GEDICHTE






einfach so, heute

irgendwann habe ich
den faden verloren
habe meine alte legokiste weggepackt
und herbert kranz
den blinden teddy dazugelegt
und auf den quelle-katalog gestarrt
abteilung damenunterwäsche.

irgendwann werde ich nicht mehr wissen
wer ich heute war
oder bin oder
gewesen bin oder gewesen sein werde
mein gehirn quälen und suchen
wo der märz denn
geblieben ist
der 21.
von 1900
und 76, als ulrike m.
noch lebte
und buback
auch.

fort wird sein und verfallen
dieser gedanke
und seine unbedacht
abgetriebenen geschwister
und ein riesiger haufe gefühle dazu
von der zeit gefressen, samt den
nachrichten des tages.

vielleicht werde ich dann
in den spiegel schauen, einen joint drehen oder ein bier trinken
wer weiß das schon
heute.

 

(1976/2010)





abschied eines clowns

 

tot

wie knäckebrot

und einen wunderschönen guten abend

auf den lippen

liegt er am kaufhaus.

der wein ist blut

frau nachbarin.

und auch der hut

liegt abgetreten

auf der seite.

 

(in: Atemwende, 1979)




hinter mauern

aufleuchtet dort: olivenlaub
ein kloster liegt im hain vergraben. der weg der mönche
endet am geschmiedeten tor
das offen steht.

hinter meinem wagen, der kurz noch
nachzündet, senkt sich staub
auf den schotter.

umgeben von einer pineta
terra di chianti,
lärmenden rabenvögeln
über den rot gebrannten dächern
niedriger kolonnaden-bauten
nähert sich
ein schwarzer mann mit weißem kragen.

ein streifender blick, mein wagen
passiert. deutsche wertarbeit, murmelt er mit rollendem "r", und für sich:
buona macchina tedesca.
dabei habe ich den nur
gerade so über den tüv bekommen.

der bruder prior
sei im liceo, ein zimmer
sei frei. so lange ich wolle, könne er sich denken.

zwei monate habe ich hier. einen
"corso di lingua e cultura
per stranieri".

später begegne ich einem raben
auf dem bett einer mitstudentin. ihr
maskottchen.

dann verlasse ich das kloster wieder.


(1981)






my generation


wir
müssen draußen von vorne beginnen,
freunde. man hat
unsere träume evakuiert.

geboren
in den jahren des kanalbaus, gespannt
zwischen den aufbau der eltern und
den aufstand der größeren brüder
bleiben uns nur die freiräume
zwischen den schleußen.

ehe die nach uns
die lichter ausdrehen, ziehen
wir noch einmal los zum kasernentor
lieder zu singen, die sich
nicht abheften lassen.

während wir die schlacke unserer alten sehnsüchte
durchbrechen, wird draußen
geheiratet.

doch in den wäldern verbluten die wildschweine.



(1982)



salzburg. epilog

touristen schieben fette börsen durch die gassen
und während ihre hunde wasser lassen
stehn alte damen dort am fluss
und rauchen. ein alter herr erzählt
wie er den handke einmal traf
und von der brücke winkt ein fremder fotograf.

 

(1983)




wende

was sind das für zeiten
in denen ein gespräch über bäume
im schulunterricht die herbeiziehung
eines vertreters der automobilindustrie
erforderlich macht, zur einhaltung
der ausgewogenheit?

ich weiß
der gefahren sind viele, die demokratie
ist noch jung, bei den paar tagen
im Jahr.

wo aber wohnen
die armen zu unserem wohlstand? die namen
klingen fremd, nach aufgetriebenen bäuchen
und bunten nachrichtenmagazinen.

es gehöre kein mut mehr dazu
gegen den staat zu sein, höre ich
von denen, die noch nie etwas zu befürchten hatten
unter keinem regime. sie haben
recht, die KZs sind geschlossen, was droht
ist nur die demokratische
gebärdensprache, wasserwerfer, isolationshaft &
nervengas. oder ein paar schleichende
auslassungen, entlassungen, unterlassungen
und sonstige läßlichkeiten. und was heißt schon
berufsverbot, wo ohnedies keine lehrer
mehr eingestellt werden? wer heute
seine karriere politisch
gefährdet, hätte eh keine gemacht. sie meinen
die gefahr lasse nach, also wachse
die zahl der helden. ich meine:
den arbeitslosen schreckt nicht die angst
den beruf zu verlieren. auch muß der krebskranke
gummigeschosse nicht fürchten.
wächst daher die zahl
der helden? ich fürchte
hier irren sie.

was aber sind das für zeiten
in denen der lachende
die schlechte nachricht bereits
überprüft hat, und ein gespräch über bäume
soviel unheil einschließt?

 

(in: Sonnenwirbel, 1984)



petra


du bist die bewegung, die keiner hemmt
die noch im stillstand ihre fülle erkennt.
und wenn du stürmst bis ans ende der welt
es gibt eine mitte, die dich erhält.

du bist der klang zu dem lied, das ich singe
und bist das schweigen, um das ich ringe.
du bist der frühling, der keinem gehört
und dessen duft sie doch alle betört.

weh mir, da du mich nun endgültig verlassen
mondlicht auf meinen nächtlichen gassen.
ich bange, dass du mir wieder erscheinst
dein leuchten mit meinen schritten vereinst.


(1985)





So wie man heute nicht mehr schreiben kann
oder
Der Abschied


In die Wälder sinkt der Tag
Chimären steigen aus den Moosen.
Heillos seufzen ferne Rosen
Liebes beugt sich dem Vertrag.

In die Häuser gehn die Frommen
Einsam der Betrübte wacht
Bei der Quelle Nacht für Nacht
Einmal wird sie zu ihm kommen.

Doch sie lässt ihn dort alleine
In die Brust kriecht klamm ein Schmerz.
Chimären fassen ihm ans Herz
Hilft ihm denn der Nymphen keine?

Plötzlich klingt vom Berg ein Hall
Echo ist's, die ihn erhörte
Treibt mit pochender Gebärde
Rauhen Grabstein ihm zu Tal.



(1985)





Lied, gegen den Abend zu singen
 

Es brist der Tag

vom Meer

& aus den Sternen fällt

das Heu Gethsemanes. Doch Du

bist fern wie je, und keiner

wacht, auf daß die Lampe

brennen bliebe für die Zeit

danach. Es fällt

& fällt das Heu der späten Tage.

Ahne nur ich, von Dir

gestellt

die letzte Frage:
 Wer kam

so weit?
 

(1985)




GEISTES
WISSENSCHAFTEN

Auch ich
im EDV-Kurs, wer hat
der hat natürlich
bessere Chancen, am besten
ich lerne noch Bauchtanz. Wer aber
läse, gäbe es nicht
unsere Kommilitonen aus
Japan, noch Hölderlin
oder gar Schiller?
Nächtelang
vor den Bildschirm entrückt
betreibe ich nun mit
den Aufbruch
der "Diskussionswissenschaften"
in die Dateien
der Indizes, Hymnen
auf den Strich gebürstet, die ästhetische
Erziehung dem schnelleren
Zugriff aufgetan. "Denn bei Hölderlin
da war ich gut."
Der wissenschaftliche Dialog, eine Frage
des Programms, der Geist
endgültig
dingfest gemacht.

 

(1985, in: Ganz spontan im Nie & Nirgends, 1988)


athen mit dir


die burg der götter. menschen
opfer & ihr schweigen gegen den himmel gestellt

ein schiff in den wolken,

den bug schäumt néfos
wie einst das blut
von den männern der inseln.


getragen

von den karyatiden des

gestürzten quelltempels, im zugriff
von koyaanisqatsi
ein unnahbarer wiedergänger.


von unten

eine der stillsten stätten, am abend

die plaka und dann

ging uns der hügel auf

zu den grotten des pan.


du aber

wolltest weiter.



(1986)




Paule von der Bahnhofsgaststätte Köln

 

 

Es

knobbelt, kugelt, nagget, schlurft und

schlingert unerhört auf seinen

zwei Beinen Menschliches,

zitternd zuzelnd

sabbert es an seiner letzten Kippe, klappt es

sich zusammen und auf und wieder wie

Schweizermesser.

 

Paule

schleppt die Teller zwischen seinen

gierigen Zügen, Paule liebt

alle schönen Ärsche der Republik

auch die von drüben. Vor ihm

wendet die sächselnde Kellnerin ihren Rock.


O Paule

pass auf du verschwindest im Ausguss

noch ehe die Bahn pfeift. Aufbruch, Paule,

sie winken dir schon,

zieh deine Fahrkarte, steck

das Hemd in die Hose

und lass den Abwasch stehen.



(1987)


Sprachböschung

 

 

Am Ufer, namenlos

Im Wasser: Nichts.

Ich nehme mich

Vergangener Worte an: Nachen, Nauen, Zille.

Ich tauche meine Paddel in den Frühtau. Für meine Gefühle
Ist mir kein Meer zu weit: Barke. Während ich beschreibe

Was ich sehe, sehe ich einen Ruderer

Abtreiben. Am anderen Ufer

Kein Zeichen, nur eine kleine

Rotverschiebung.



(1987)




Evolution:

 

Ein Gedicht

macht ein Gedicht. Nichts

weiter.



(1988)

 

noch einmal hier

 

gesang von schweigenden

& eine sonne

die aus alten wäldern bricht wie

götterdämmerung. der blick des weihers

der die sterne grüßt

& eine ungeheure

lust, die mich verschließt.



(1988)





keiner mehr

 

 

mit schweren schlägen setzt der sommer ein

sein treiben geht in mich

wie später efeu. keiner

 

der mich kennt, kommt näher. südliches

wie pech und nelkenöl

macht schwerbewegt die pfade,

und verlassen

flirren alte straßen durch das land

der väter. äcker

 

die nun keiner mehr bestellt, und wiesen

zwischen denen blond und blaugeäugt

des bauern enkelsohn des nachts allein

das unkraut pflegt.

 

ich bin zurückgekehrt in dieses totgesagte land

den sommer noch einmal zu tragen

eine ernte lang. und streife meine sense über matten

von denen keine mich benennt. nur steine

werfen nach mir ihre schatten.

 

und wenn die echse

zwischen dürren flink und klug

geworden, mich begrüßt, sagt sie:

der letzte kommt zuerst

doch keiner wird ihm folgen.



(1988)


Biertischsonett 
in honorem W.W., R.R. & T.S.

 

Drei Männer sitzen stumm bei ihren Flaschen
Und während ihre Frauen Wäsche waschen
Schlagen sie den Blick ins Glas und trinken.

Und wenn den Frauen müd die Arme sinken
Sind sie noch immer auf dem Arsch und stinken
Aus jedem Loch nach Schnaps und alten Aschen.

Doch einer hebt den Kopf und seine Stimme
Schlägt aus zu einem Lied, das alle kennen
Das Lied vom Goldnen Kalb, um das die
Menschen rennen
Man weiß Bescheid und preist mit festem Sinne

Die eigne Wohlanständigkeit; man lebt das Leben
Eben, ohne Gier nach Geld und Ruhm, den eitlen
Wahn
Trinkt nur ein bißchen viel mal, dann und wann
Und möchte ganz zum Schluß auch mit dem Tod
nur dieses:

Einen heben.

 

(1988)




silke bischoff.
sterben vor den spätnachrichten.

 

ich kenne
nur ihr bild aus der zeitung. ihre angst
kenne ich nicht. ich schreibe
nicht über sie.

ich habe nicht ferngesehen.
ich bin nicht dabeigewesen.
ich habe später
davon gehört. vor mir
diese photographie.

ein blick aus dem vorübergehn der welt
und die erinnerung
an ein lächeln hinter glas. daneben
der überlebende finger am drücker.

so aber geht die legende
vom zeitgenössischen sterben:

in meinen waschraum hat sich ein frosch
verirrt. käme ein storch
würde er ihn fressen.

 

(1988)



Die
Geliebte

Ist zu fernen Zelten gegangen, schwarzen Männern
Die aus langen Pfeifen Abenteuer saugen. Die Geliebte
Ist schön, so unsagbar
Steht sie im Sommer. Die Geliebte

Hat andere Augen bekommen, sie schaut
Von weiter her. Und wenn sie sich umdreht
Liebe ich sie sehr.

Die Geliebte sitzt auf einer
Gedichtzeile, ihr Schweiß
Riecht noch aus den Zeiten
Zwischen uns.

Sie
War
Einmal
Hier.

Die Geliebte
Ist einfach
Davongeperlt.

 

(in: Flugasche 30/1989)




DER PREIS DER WELT

die welt
läuft aus, die bodenpreise
steigen
und wer noch große kinder will
muß kräftig gießen.
auch wenn die letzte zucht
zu wasserköpfen neigte
die zeichen stehen gut
die neuen mittel helfen
auch wenn die brut stattdessen nun
zum schießen neigt, die schönheit steigt
und auch der IQ läßt, soweit wir sehn
nicht grund zur sorge. nur dies:
die welt läuft aus
und keiner weiß wohin.

(1989)


 

happy hippie



ich war ein zufriedenes kind

sagt meine mutter, immer freundlich auch

zu den nachbarn. "so ein höfliches

kind", sagten sie, die drachen

von denen ich träumte nacht für nacht

sahen sie nicht, die schweißgetränkten

leintücher bügelte ich trocken allein

vor morgengrauen

wie auch den nassen fleck

in der schlafanzughose.

 

dass glaube berge versetzen könne

glaubte ich lange, wie sonst

hätte ich es ertragen können, das nasse föhnbett

die stillen zimmer der eltern

die flucht

unter die matraze vor den ungeheuern der

spätgeborenen.

 

"so ein vernünftiges kind", sagten sie

und wünschten mir heil

den hitler konnte ich mir erst später dazu denken

als ich mir die haare wachsen ließ

bis über meine alpträume hinweg.

 

denn das hätte es bei dem nicht gegeben.



(1989)





vorbilder



sie haben uns erklärt wir müssten

uns vor frustrationen schützen

und sollten daher wild verwegen

uns in fremde betten legen.

 

sie haben uns gelehrt zu klagen

wenn uns unbehagen plagen

und jedem arschloch das wir meinen

die wahrheit ins gesicht zu greinen.

 

nun sind wir klüger als zuvor

und kommen uns noch klüger vor

als alle die vor uns geboren

und die nach uns ganz klar verloren.

 

doch glücklich sind wir lange nicht

das lustprinzip spuckt ins gesicht

uns jeden morgen nach dem duschen

wenn wir im spiegel freunde suchen.



(1989)


Heimatkunde, buchstabengetreu

 

Eichenfeld
Froschäcker, Galgenberg, Hochgericht
Jägerweg, Kohlhalde, Linsenkehr
Maienwald, Öde, Pfaffensteig
Rübgarten, Schönmehl, Triebfelsen
Vogelhof.

Auchtert, Burz, Doll
Enet, Fils, Greut
Huben, Kapf, Letten
Mörs, Natten, Orschel
Pistre, Ramschel, Schwende
Upflamör.

 

(1992)



 

Nach dem Essen.


Ich sitze

und warte auf die Ankunft

des Salatblattes in meinen Gedanken.


(1992)



 

Ablandiges Liebeslied

 

 

Ich wollte mir die anderen

Flötentöne beibringen: FrühlingSommerHerbstundWinter. Schön war

das Blaue Band.

 

Wer hätte gedacht, dass der Gesang

sich gegen sich selber kehrt?

 

Verloren habe ich aus dem Blick

die Wegkreuze, die moosigen Bänke

unter Linden, den Duft

der Erde nach dem Regen, den bunten Bogen

vergessen, verlassen seine Ausschweifung

über der Ebene.

 

Die Stille des Abends

ist mir verleidet, das Myzelium

unbekannt verzogen, der Schlehdorn verdorrt, die Quelle

zum Getränkemarkt übergelaufen.

 

Das geschnitzte Herz in der Rinde

verwachsen auf nimmer Wiedersehen.

 

Sollten wir uns noch einmal begegnen

werde ich mich treiben lassen auf hohe See

mit verklebtem Mund.

Nur die Ohren
blieben mir frei.



(1992)




Aufgaben

 

Heute: Morgen planen. Übermorgen:

An Gestern denken. Wenn ich mich spute

erreiche ich den Sonnenuntergang noch vor meinen Träumen.



(1993)

 


nachbarliches

 

 

wer könnte dich

heute noch rufen, großes tier?

 

wo hast du dein haus aufgeschlagen in diesen vergessenen zeiten

im blick einer violinistin, noch nicht ausgereist

auf dem bazar?

in der verkrüppelten schwanzspitze des von einem dackel

halbierten schäferhundes, der in der gosse unterhalb der moschee

sein wasser aufschlürft?

 

dich zu denken

in den gängen des kreuzes

und auf den folterstätten der inquisition

war uns ein leichtes.

 

heute

ist nicht einmal mehr eine wand zwischen uns.




(1996)






bergsee

 

 

hier war es

wo ich dich gezeugt habe, hier

ging mir dein licht auf

hier

habe ich dich verraten

an die ebene.



(1996)






opfer

 

 

weh mir, der ich mein jerusalem

verraten habe, der ich ausgesetzter meines stammes

in der wüste die schlange küsste mit weinendem haar.

auf mein herz, breche

im jubel der vergehenden zeiten

den ölzweig mir und peitsche,

daß ich, der erinnerung über

mich von der wolke löse in schauern.


(1996)




hofgut

 

 

erfüllte zeit, die ernte

leer, der stall verlassen

von den mücken keine spur.

ich schweiße mich

in die arme der verwitterung und hänge

den letzten nagel an den schlag.



(1996)




weihnacht


 

ich stehe

an den gestaden des menschen

im sand spült sein bildnis

sich aus dem gedächtnis der welt.

 

ich gebe mich auf

in dein missfallen

herr der gezeiten, du

mutter des ungemachs, sieh

flach fällt unsere schätzung

zurück dir in den schoß.

 

vergebens

warben wir um deinen umstand, umsonst

hast du uns münze um münze

verrechnen lassen in glaube

liebe und hoffnung.

 

wenn wir nun hand an uns legen, so sei

uns nicht gram, denn dein wille geschehe

wie auf erden, so auch im himmel.



(1996)





funkenflug


einsamer nie als im dezember

wenn schwalben schweigend von den wänden fallen

im südwind heimlicher gelüste

und ausgestreckt die toten füchse lauern

auf unsern ausflug.

 

wenn jedes heimweh pfadlos endet sich

im schneegestöber

und nur der milchmann noch

an morgen glaubt, seh ich

den roten hahn sich wenden.



(1996)



an angel: a



der krieg ist vorbei, die wunder
kommen als fräulein wieder.

ein engel hatte sich niedergelassen
seine federn

umflattern noch mein himmelreich, die kiele

stoßen nach meinen augen bei nacht.


das bettzeug trägt sein gedächtnis

seine wunden schwingen

hallen noch nach in meiner behausung.

er ging durch die scheibe

an den splittern funkelt sein blut

sein verlorenes gedärm

zuckt wie brokat. er wurde gerufen.

der bogen seiner brauen ziert den lüster

aus murano-glas

über mir

schlagen die lider zusammen.



(1997)



 

du nachbar

 

schreite ein, die deinen

gehen irre, singen deine lieder

im verbogenen ton. der weltlauf taumelt

die bäume brechen in gelächter aus, das tier

verschweigt sein geschlecht.



(1997)




ost-west


erinnerung an
ein hurengelächter:
schöner nie
als im september.

noch einmal
efeu
bei stalingrad
vor dem endgültigen verschweigen
der heimat.

lieder ansingen
gegen die sonne, ein aufzug
alter gefährten steckt
die erinnerungen weg, mann.

dieses deutschland
in brand und jenes und weiter
bis moskau, das sagen hören.

im osten, so hegel
krähen die hähne der zukunft.


(1997)





olga


wo dein haupt lag
ruht ein dunkelnder abdruck
die verwunschene hand
tastet aus den träumen ins leere.

als ich dich fortließ
gedachte ich nicht der fröste des morgens
in der steppe
spottete ich jeder beschreibung
des unglücks.

osterglocken am abend
von kerze zu kerze gereicht. und wie kam
dann alles so anders
zu uns mit den ersten stunden des tages.

keine nachtigall, nur dein zuhälter
der dich rief auf dem handy zum appell.


(1997)



 

Blechtrommelwirbel

 

 

Zerbrochen

in eins

die Frühlingserwartung

das Herbstlaub

des Winters Dämmerlicht

der Sommerabend.

 

Letzte Liebe

in Murano-Glas geritzt

ausgelaufen

der Hafen.

 

Das Becken

aalfrei

bis Danzig.



(1997)




straßenstrich. moskau. september


nicht
die da und der da und das.
nicht der kriegsveteran am abfallkorb
rauchend
auf seinen beinstummeln,
nicht deine schwester mit
geschwollenem schritt aus der sauna,
nicht
die einwärts kehrende hand, nicht der
blinde bettler
aus jener geschichte und die
mäusefamilie
im kamin aus der anderen.
nichts und niemand.
auch nicht das urfeuer oder gar
die ewige wiederkehr. nur du
da draußen umsonst auf und ab.


(1997)



danklied

 

 

ich danke dir sonne für die strahlen

die den boden meines nachbarn verdorren und mich wärmen. ich danke dir

wolke für den regen, der mich erfrischt und nur die unter mir wohnenden

ertränkt. ich

danke dieser welt

die mich leben läßt

vom sterben der andern.

welch ein wohlbestelltes haus!



(1997)




prometheus

 

 

ich kam zu dir

in den zeiten des letzten menschen

und du hast meine laterne zerschlagen.

ich kam nackt

und du hast mir die haut vom leibe geschunden

deinen winden ein segel.

du hast

mein fleisch gebrochen, meine seele

geflutet, die adern

entleert und einen jeden nerv

ins joch gespannt.

 

dein geschirr

hast du mich zerschlagen am abend

vor deiner hochzeit.

 

du hast mich verlobt dem unheil

verschwistert dem untergang und

eingeschrieben in das buch der vernichtung, denn du bist

das alpha und das omega vom nachrichtenüberblick bis zum wetter. du hast mich entleibt

und entseelt und entehrt, du hast

mich schreien lassen deinen namen gegen das anbrechen

des werbeblocks. das ende

hast du mir in die wiege gelegt, mein herrliches elend, ich preise

den tag deiner einkehr und schlage dir bis dahin

alles ab.



(1999)



gott wohnt

gott wohnt seit neuestem
in meinem scanner, der himmel sei ihm
zu eng geworden zwischen den kondensstreifen
er trinkt jetzt
im morgengrauen heimlich meine cola
leer, wenn er austreten muss
benutzt er die yucca-palme.

tagsüber
schleicht er sich durch die erinnerungen der ccd-sensoren
weg
geht er nicht mehr, die frauen
würden ihn doch nicht verstehen.

nachts leuchte ich ihm heim
dot für dot, mit 16 bit
pro kanal, wer hätte
dies je gedacht, vorlage für vorlage
entspiegelt sich die schuld der welt
und führt uns nicht mehr in versuchung.

 

(in: Neue Literatur, 1999)






entlassen

 

 

dies ist mein stuhl

beim türken am eck. dies

mein café für den nachmittag und dort

gehe ich mit gesenktem haupt vorbei an den frauen.

 

dies

war mein hausausweis, dies

meine aktentasche. die notizenmappe

geht nun mit mir zum einkauf.

 

wenn ich für den abend

eine theaterkarte habe, bleibe ich tagsüber

zuhause.

 

des nachts

schlafe ich schlecht.



(1999)





vollmond


aus versehen
habe ich den vollmond gesehen
wieder einmal vor kurzem, er sah noch aus
fast wie früher, auch die landschaft
war schön drum herum, fein ausgeleuchtet alles, blühende apfelbäume
und wiesen und eine verlassene landstrasse
so zwischen drei uhr und vier uhr morgens, ich hatte
den wohnungsschlüssel vergessen und war
wohl ein bisschen erheitert, danach
kamen dann die ersten autos.
noch vor der sonne.

 

(2000)




der zweifel


beim anblick einer

gothischen kathedrale ist noch zu ertragen

aber der zweifel, wenn ich

dir in die augen schaue und denke: für immer

niemals.

 

denn auch das unglück

ist angreifbar

geworden.



(2000)


video conferencing

 

das ist

die stärke nicht mehr das ist

der herr nicht mehr, nicht mehr in und ausser ihm, und die sünden sind es nicht mehr nicht mehr diese oder jene, vergebung nicht mehr und

nicht mehr ostern und weihnachten schon lange nicht mehr. ein bisschen noch

wie wenn am feiertage aber das

ist dann auch schon eher so

gut wie nicht mehr und das

wars dann auch schon

ehrlich, das wärs

gewesen wenn da nicht, pixel für pixel

deine brust durchs bild geschwankt wäre. die zeit

als weltbild.



(2000)



rauchende elfe

 

an einer quelle sah ich vor tagen

eine elfe sitzen. allerdings trank sie

perrier, die quelle

ist gesichert durch ein schild: kein trinkwasser. oberhalb

wird mais angebaut. die rückstände

der eu-subventionen sind perfide bisweilen. die elfe

verzog den mund, als sie mich sah

mit der kamera. und ob ich ihr

nicht feuer geben könne. ich nahm mir die zeit, denn elfen

die rauchen verschwinden nicht

so rasch aus dem bild.


(2000)



adams anruf



ich habe gott

gefragt, was er denn

so treibe, er meinte

ach mensch, ich begrabe gerade

einige dörfer in japan

unter lava, auf sumatra

lasse ich christen kastrieren, in niger

verhungre ich ein paar tausend kinder

und in china - genug, rief ich

genug, ich werde dich nicht weiter stören, ich sehe

du hast zu tun. aber nein, sprach er, ich bin ganz ohr für dich,

was wolltest du, ach nichts, entgegnete ich

du hast bestimmt keine lust, dir meinen liebeskummer

anzuhören. aber doch, gerne, sprach er, ich brauche schließlich auch einmal

ein bisschen abwechslung, was willst du von mir

ach, nur, dass eva mich noch einmal

anruft. ich wollte sie um verzeihung bitten.

gebongt, sprach er, jetzt muss ich aber weiter. in diesem augenblick

klingelte das telefon.

die polizei war dran, ob ich ein eva sänger kenne, man habe

meine telefonnummer in ihrer handtasche gefunden. und ob ich

näher mit ihr bekannt sei, dann

herzliches beileid. ach gott

sagte ich, das wäre doch

nicht nötig gewesen.



(2000)




liebesliebes

 

 

vögel die vom himmel fallen

menschen, übersatt von allem

 

und inmitten stehe ich

will nicht mehr und will nur dich.

 

doch du bist mir unbekannt

bist du wasser, bist du land?

 

bist du eine vogelbeere

oder ein ungefähre

 

ahnung  von dem untergang

den die amsel mir dort sang?

 

bist du eine straßenbahn, eine eis-

und eisenbahn? eine warnung vor dem wahn?

 

oder habe ich vor dir

immer noch den rate mir

 

den alten hoffnungsanzug an

der mir auch nicht helfen kann?

 

wie nur fange ich es an

dass mein lied dich fangen kann?

 

wie nur sehe ich uns beiden

eine zukunft zu uns schreiten?

 

ach der alte lallerich

will er dich, will er mich?

 

ausgelallt ist das gedicht. liebe mich

dann liebt es dich.



(2001)




gebete an einen gletscher


gps-geführt stehe ich
vor deinem verschwinden.

noch 9 mal
muss meine seele auftauen, ehe ich
die gondel verlassen darf.

die sander gehen
bei nacht durch die träume der ferienhaus
besitzer.

um die kurve gebracht
ohne fernglas sehe ich dich
einen touristenblick fressen.

mit geborstenen wörtern
im offenen maul schaue ich dir
in deine schmelzenden eingeweide.

sind wir uns nicht
schon einmal begegnet, ich habe
so ein weiteres gefühl.

keiner weiß mehr
wo die kirschenbäume standen
nun kehren sie wieder.

das handy gibt zeichen:
zeit, zu gehen.



(2005)









Luftdruck


Der Flugschreiber, die Gondel, die Schlammlawine -
Alles fällt in die Zeitung. Aber die Innenseite
Des Foucaultschen Pendels wird nie
gedruckt.

Die Natur, hört man
Schlage zurück. Aber wer
Schlug zuerst den Mantelkragen hoch
Und baute einen Regenschirm?

Prometheus
Schaut Splatter Videos.
Die Wasserwerke
Hat ein Fonds übernommen.

Die Quelle ist längst
Zu Perrier übergelaufen.

Das Meer, einst
Nur flüchtig zu Besuch
Macht sich jetzt überall breit.

Die Fischbrötchen
Aus Tofu
Ernähren nur dürftig
Die Enkel der Fischer.

Mit der Flut
Steigt die Zahl der Geländewagen.

Und der Aufstieg des Börsenberichts
Verkündet das Dünnerwerden der Luft.


(2005)



Zirkusnummer

 

 

 

Während die Gletscher

zum Rückzug blasen

 

Geht dem Bauern im Tal

der Arsch auf Grundeis.



Das Erhabene

hat sich Urlaub genommen

 

Vom Ich und geistert

als Ansichtskarte durch die Frühstücksnachrichten.

 

 

Mit Heidi Klum im Bunde

fließen die Flüsse bergauf

 

Und die Losungen der Löwen

werden vom Clown zum Plenarsaal getragen.

 

 

Der erneute Ausbruch des Vesuv

warf einige Elfen ans Ufer

 

Aber was ist schon eine Kindergeschichte

gegen den Klimawandel.




(2005)





vorrichtungen
zum schutze vor überschwemmungen:


ein geländewagen zum beispiel. im rückwärtsgang in den fluss gespült.
eine keksdose hochgereckt mit den ausweispapieren.
ein teddy
im schlamm. ein hochseilartist
hockend in der luft neben seinem seil. nur erstaunen
ins gesicht geschrieben.
eine die ins wasser ging in pastellfarbener
unterwäsche, verfangen
in der walze nach einer staustufe.


(2005)



gletscher

deine bahnen, unbetreten
schmelzen unwiederbringlich.

keines menschen fuß
folgt je den furchen
die du bereitet.

(2005)






wanderung


so bin ich denn: geschädigt und geborgen

ein baum, zerborsten, neu getrieben, eine

lerche, die im winternebel aufsteigt

wie der mond, der sich im sonnenschein verbirgt

und aufgeschlossen unter unsren schritten

bebt und flimmert.


(2005)



zurückgekehrt



lass mich

den löwenschrei

unvollendet

den gang

unter menschen geübt

vergessen

dir noch einmal

einen abschied schenken.




(2007)





ein tag geschichte

heroin
und raucherschutz. babyklappe zu.
ein retter der abstürzt.
erfrieren im hochsommer
bei der familienwanderung. ein gutes gesetz
und ein verkleideter fremdenführer. vor allem aber
ein polizist als geburtshelfer während
ein mann vom zug erfasst wird und
ein ladenbesitzer randaliert.
hitzewelle.


(2007)



griechisches inseln


gott hat
dionysos in rente geschickt. kein tier
mehr, das des menschen härte
die weiche stellt.

das meer trägt regengrau. vom horizont her
schleier. ein dürrer ast
gibt vor, den starken fels zu stützen. es nieselt schon.

dann brennen donnerwetter her von allen himmeln.

die anderen götter haben das land verlassen
und tun nun
dienste in übersee, verdienen
sich eine goldene nase und schicken
vliese nach haus.

beim zeus
mahlt der betonmischer. am gymnasium
von moudros tollen die hunde. bei nacht
gebell wie in alten zeiten.

im tal der kraniche ruhen
patronenhülsen, pet-flaschen
und die leeren hüllen von energy-drinks.

und in den bars gibt es mittelmeer-diät
zum fernsehen.


(2008)





schreib mir, du!


ich krieg ne sms
du bist mir ganz nah
im nebenzimmer schnarcht papa
die mutter ist beim freund. ich liebe dich.

mein bruder war auf rave die nacht
er hat sich einen mitgebracht.

du bist ganz nah. so fern von mir. ich liebe dich.
mein kuscheltier. ich schreibe tag und nacht für dich
sms.

ich lese deine sms
und liege ganz allein im bett
mir wird ganz weich im knie, ich liebe dich und sie.

die sms.


(2008)




kosmisches zusammentreffen

und ging die farbe aus der welt
mit jedem einschlag fürchterlich
und keiner hörte gottes namen
noch kommen aus dem mund der zeit.

der raum tat ausflug, hörte dich
ich sagen aus vergangenheit
und du kamst näher: meinen armen
für die zukunft zugestellt.


(2008)




erste chinesischlektion



ich gehen trinken heißen

tee nach hause hartmut

du sehen fahren schönen

wagen vater pflaumenwein.

 

lernen sprechen guten abend.



(2008)


verwesung


vielleicht ein blatt, verklebt
am boden hebt ein wind es an
und taumelnd
reißt und steigt ein teil sich los,
der andre bleibt und wird
zu erde.

was aber aufsteigt
wie lange kann es sich halten?


(2008)




aufbruch

worte, sie höhlen mich, nicht mehr
möchte ich sprechen satz für satz
meinen gebrechen hinterher. statt dessen
gehen. wort für wort
hinter mir lassend.


(2008)


einschlag

und plötzlich ging die farbe aus der welt
als habe gott
den atem angehalten.


(2008)




aich laiba daich

aich laiba daich
aich laiba daich
aich laiba daich bai daich and naich.
aich laiba daich bai daich and naich
aich dann am wanda wann ais schneit.
aich laiba daich
aich laiba daich
aich wann ainsdann aich ban ai laich.


(2008)



ganz unten anfangen. helden


vierfüßig
ginge ich gerne wieder
den dingen auf den grund. träte ich
ihnen zu nahe. wer aber bittet
meine hände um verzeihung?

es ist schon wieder
ein tag vorbei. mit kaffee trinken
und einem bisschen wein. und der müdigkeit
einer liebesnacht, wie es eben
so heißt.

der himmel
ist leergefegt. bei tage
fehlen die schwalben,
bei nacht hofft die sternwarte
auf baldige stromausfälle. von den göttern
ganz zu schweigen.

die sonne
geht auf und unter, das ist noch schön zu sehen.

bisweilen
fällt ein springer herab. ich sammle
die abdrücke ihrer stiefel im acker.
über ihnen
kreuzen sich kondensstreifen.


(2008)





noch immer mehr

die zeites des lorbeer
vergangen, verpackt
im gewürzregal. der ölzweig
abgehängt von den häuptern
der helden, dem lifestyle
zugelegt. die lyra
erklingt sie, erinnert nur wenige
noch an den frühwind und mistelgezweig.

vor sonnenaufgang
schlafen die menschen und keiner
füttert die geister.


(2008)



ciao bella

sono tornati i giorni tristi
balneari. su una spiaggia pulita
preparata per la staggion che non vien
più. vengono solo i turisti, sparse, spendono
soldi in vano per farsi
ridere, moltiplicando
il nullo.


(2009)






der reisende:


umgeben
von etruskischen ruinen
kam ihm das reisen abhanden
als er die runzeln an seinem hintern
im hotelzimmerspiegel sah.

das stammeln einer verwachsenen hure im zug.
die blicke eines einsamen auf dem jüngling in der ecke.
der geruch einer hungrigen in der luft.

dann nahm er einen leihwagen.


(2009)


prozessionsweg


ich habe das gute wasser getrunken
ich habe das gute brot gegessen
wer bin ich, zu klagen? keiner
treibt mir holzsplitter unter den nagel
niemand
pfählt mich. ich aber
beklage den regen und das
verlorene messer.

zuflucht
in der kapelle des eremiten,
erdarbeiten, geschlagenes holz,
traktorspuren.

gerne hätte ich
das lama bestiegen. doch der sturm
hat mich hinabgespült. gerne hätte ich
gebadet im bagno di romagna.

so aber
gehe ich zur bushaltestelle, im gepäck
die essenzen von camaldoli.


(2009)





Col di Favilla


"COME TESTIMONIANZA
DI UN MONDO SCOMPARSO
MA ANCORA VIVO NEL CUORE
DI OGNUNO"

die kastanie vermost
vor s. anna, die biertische
über der toilette aufgestellt, dort
wo don cosimo die gute sitte hochhielt.
in der sakristei
neuer platz für die erinnerung.

federigo
- der, der gerne feierte -
gibt der härte des lebens hier oben
ein gesicht.

das paradies
ist nur im nachhinein zu haben.


(2009)



waldlauf


das eichhörnchen spielt
mit einer leeren zigarettenschachtel, im quellteich schwimmt
eine getränkedose.

kein mensch
weit und breit, nur
jogger und walker. dann
laufe auch ich endlich los.

ich ertrage
den anblick der bonbonpapiere am wegrand
nicht mehr.


(2009)






nichts schöner als der vollmond hinter wermut


ach wermut: baudelaire
ist lange her. heute
schreiben wir von verdauungsbeschwerden
und werden
dich preisen für den fleißigen
gallenfluß, den du uns bescherst.

was aber nützt mir
wenn ich sodbrennen habe, der sinn
des lebens?


(2009)


für dich


für dich meine herde
die du nicht meine herde bist
mähe ich das gras für den winter. für dich
meine herde, die du nicht meine herde bist
leite ich den bach in die tröge. und weiß doch
man wird dich schlachten in den zeiten
des hungers.

für dich mein kind
das du nicht mein kind bist
pflanze ich turtelbäume. für dich
mein kind, das du nicht mein kind bist
grabe ich die brunnen tiefer. und weiß doch
die grundwasserspiegel sinken hin bis
zu den schwefelquellen.

für dich nehme ich mich an
solange die horizonte noch offen stehen
säe die körner gegen den westwind
und gebe mich frei
für den süden.

und unsern kranken nachbar
auch.

(2009)





janz weit

vom urknall her
deine leuchtspur. verschwundener du
ausgerottet in uns.


(2010)


Abschied von den Metzgersleut.

Glückwunsch zum eigenen Geburtstag: Dass
ich geboren wurde. Dass ich noch immer lebe. Dass
ich was zwischen den Beinen habe das sich noch regt.

Dass ich sterben werde ist nicht Gegenstand
dieses Gedichts. Dass ich geliebt wurde, schon.
Dass ich der Liebe nicht gewachsen war, ist ein Thema
für ein anderes Gedicht.


(2010)





souvenir

ein stein kann es sein
oder auch eine muschel vom meer
was uns den abschied erleichtert.

von dir
nur ein blick.


(2010)


elementarteilchen


ich bin groß. mein herz ist klein.
ich stecke meinen schwanz hinein
in alles leiden dieser welt
das innen uns zusammenhält.

ich hatte alles. keine klage!!
da ich es weggeworfen habe.

ich rauche meine schachtel weiter
und liebe meine hühnerleiter.


(2010)






Pinocchio


Und aufgetürmt
den Fortschritt
unter der Regenfolie.

Die letzten Steine der Ruinen eingemauert
in neue Fundamente.

Fertig bebaut alles Gelände.
Ausgebaut die Zeit.

Che brutto che sei!


(2010)


das kind


universell
wie alle kinder

universeller noch als das, was wir in unserem
abendland gott nennen

stampft es
seine ersten schritte
aus dem boden

während wir uns
wieder nach dem gehen sehnen
auf allen vieren.

tanzen
sagt das kind

tanzen möchte es
über den toten in der erde
unter uns.


(2010)





der zuschauer

er klatschte lang
doch dann kam einer her und fragte
was er noch tue hier, das spiel sei aus
und alle spieler längst gegangen.

er klatschte weiter, ungerührt
ich bin noch hier, der letzte spieler
darf das feld nicht räumen. und klatscht
und klatscht bis ihm die hände fallen.


(2010)



Götterdämmerung


Die Lichtung geht auf
immer wieder.

Das Silberknöchelchen läutet
Doch ich bin noch nicht so weit.

Am verlassenen Weg kauert
die verwachsene Siedlung.

Wenn die Welt ausläuft
Ist es besser, am Rande zu stehen.

Vom hinteren Ende her
Könnte es noch einmal beginnen.


(2011)





rückkehr der gletscher


ob auf den bergen oben der kirschbaum
noch blüht oder

hat der gletscher ihn eingeholt?

dionysos poltert im tal, seine jahre ausgezählt
stumpf die hörner

ziege um ziege
das erbe verspielt, seine matten
aufgebraucht und verraucht.


(2011)



Requiem für einen Käfer


Natürlich bist auch Du nur
Ausgestorben bald und rot gelistet und
So überflüssig dass es jeden graust
Der deinetwegen eine Wiese
Nicht betreten soll vor so viel übermütgem Anspruch. Und doch
Tut es mir leid, dass ich
Mit wenig Vorsicht der Atriden dickes Abenteuerbuch hab abgelegt
Auf dieser Gartenbank, die deine war.

So traf es dich, gehockt auf eben dieser Bank in sonnigem Verweilen
In schlecht gefügter Schickung. Und das Gewicht
Der leichthin scheints gefügten Worte
Samt ihrem Träger, dem Papier aus jenen Wäldern
Die deine Ahnen einst bewohnten mit den meinen
Hat dich zu einem Teil erfasst
Und dir den Hinterleib zerpresst. Nun hockst du da
Auf deinen Eingeweiden.

Die Bank schweigt weiter, weiß
Von dir nichts und dem Kummer der Atriden
Kennt keine Dichter und singt
Keine Lieder, steht da und harrt nur der Gesäße
Die ihr sich neigen nach des Tages Last
In knarrendem Erbarmen. Du aber hebst die Fühler
Klagend zum Gesang, wirst Hohlform
Für ein anderes Beginnen.


(2011)




erinnerlich


es tut weh, aber
es ist erinnerung
es zerreißt die augen, aber
es ist erinnerung
es würgt den hals, aber
es ist erinnerung.

das einzige, was bleibt.

erinnerung an eine menschheit.
erinnerung an ein leben.
erinnerung an einen anderen.


(2011)



sollbruchstelle

nun sind wir
ausgedacht, verbohrt und zugenäht
verloren an die schlacht, das fest danach, den
wiederaufbau in den knochen, brechen
sie uns noch einmal.

aufgeschlagen
das geschichtsbuch
am grund des gletschers
knirscht das auge.

bei tauwetter zur wiedervorlage
i ar san sie u liou chi.


(2012)





gezeitenwende

in der angst der kindheit
sagte ich mich los von den sternen, ging
mit den drachen zu kämpfen
unter die decke.

das war noch
auszubügeln in der gleichen nacht.

fraglos steht zu uns
das freundebuch. doch draußen
da wollen sie es wissen, wieso und woher
wohin mit der lust wenn der schmerz nachlässt und
wie das denn gehen soll
im falschen leben.

das augenwasser geht zu den bergen
der schweiß steigt zu den versteinerten sängern
ins tal ab. und das bügelbrett der kindheit
surft über alle gewissensbisse.

das meer aber
spült fußtritte einfach so weg.


(2012)



wechsel


wenns nicht
weitergeht, die beschäftigung
wechseln.

wenn die beschäftigung gewechselt ist
kann man ja mal wieder
was anderes machen.

wenn man mal wieder was anderes gemacht hat
sieht die welt schon anders aus.
so zum beispiel.


(2012)





lakshmi.


when she walks, it hurts.

we all live
with a twin, and it hurts
but we don't know walkin.

she
has to know
she
has to suffer
she is the goddess.


(2012)




misstrauen


misstraue den starken,
sie verbergen ihre schwäche nur besser.
misstraue den regelbrechern,
sie lieben die regel!
misstraue den stürmischen
denn sie sind außer atem.

misstraue den verletzten
sie verletzen
misstraue den schwachen
sie wollen dich schwach
misstraue den geregelten
sie lieben das chaos
misstraue den atemlosen
sie rauben dir den atem.


(2012)




der eisbär

im zoologischen garten karlsruhe


direkt an unseren augen vorbei
trauert er mit den plastikeimern.

in seinem fell
wachsen algen.

und von den betonwänden
fällt ein reiher in seine fütterung.


(2013)




hälfte des lebens


die apfelbäume hängen voll.
die birnenbäume hängen voll.
die pflaumenbäume hängen voll.

kein schwan weit und breit.
doch von den letzten telegraphenmasten
hängen die blinden kabel.

ins erdreich sickert das teeröl
von den terrassen fallen schaukelnde kinder
und aus dem mond schaut ein toter hase.

sinnlos die apfelernte
keine dirn da für die birnen, kein junge.
selbst für den schnapsbrand interessiert sich keiner mehr.


(2013)





in den winter


das alte heupferd
sitzt auf der berberitzenhecke
und ruft kuckuck
mit erstarrten gelenken.

wir könnten
die eselspfade wieder beleben.
doch hinter den biegungen der hügel
wälzt sich die autobahn.

der mann mit den sohlen an der seele
hat sich erschossen.

sinnlos war einmal
nur ein wort.

in den köpfen klingelt der schnee.


(2013)



scheune


vom gebälk gesprungen ins heu
ohne bewegungserziehung
ohne abenteuerspielplatz
und logopädie

stattdessen am gebälk
die brandspuren
von 1945

wo der tabak hing
die kinder


(2014)





kulturaustausch


von unseren häusern bleibt
die styroporhülle.

warum soll es uns besser gehen
als den römern
mit ihren tonscherben.

wer dauer möchte
kauft sich ein dauergrab.

im weinberg häufen sich
die rebschnitte
zu scheiterhügeln.

geopfert werden
würstchen.

während der abendmesse
macht sich die sonne
davon.

draußen ist es drinnen
am schönsten.

(2014)



verwundete erde

und immer gab es auch gerade
eine hochzeit, als ein krieg begann.

und immer spürten die tiere
das beben lange vor uns.

unter den bodendielen krabbeln die käfer
über unseren häuptern die lieben.


(2014)





Letzte Abfahrt


Vom Schlepplift die Spur genommen
Abfahrt im Nebel, Helmpflicht.

Dann bricht die Sonne durch, kurz
vor dem Flutlicht
brennende Fichtengipfel.

An der Pommesbude Schwindelgefühle,
doch lieber Maultaschen.

Nach dem Bier, alkoholfrei
ein Kuss.

Neben dem Spiegel im Klo
ein Merkzettel.

Du
wird zum Schimpfwort
für entgangene Lüste.

Dabei
hatte das Leben doch erst begonnen.


(2015)


An Aton

Die Vögel
die bei der Sonnenfinsternis schweigen
wissen mehr.

Meine Nachbarin
Reinkarnation einer altägyptischen Prinzessin
hat es mir erklärt.

Nach Schichtende bei Penny
spricht sie mit den Spatzen
auf dem Dachboden.

Es ist schön dort,
schräg zwar,
aber näher zur Sonne.

Neben den Kollektoren
verbrenne ich die schwarzen Engel
in meiner Brust.

Mit Korkpatronen
schießen wir auf Dionysos
der wieder zu spät kommt.

am morgen danach
ist die sonne ausgeblieben.


(2015)




24.03.15

for you, nein five - too five
nur mal zur toilette
too spät


(2015)


No Name


"Falling to Pieces"

Vor dem Abflug
las jemand Lukrez.

In den rechten Seitenfenstern
die Vormittagssonne.

"Sky and Sand"

Unten der Schnee,
die bekannten Alpen, ein Gleißen.

Kurz eine Mirage:
Schau mal, Mama!

"Ein Domstein kehrte zurück
aus dem All"

Stille. Keiner hört
das Klopfen des Nachbarn.

"Götterdämmerung"

Wenn Männer alleine sind -
Lachen bis zum Gesichtskrampf.


(2015)




Zu weiteren Gedichten und Gedicht-Übersetzungen von mir: Gedichte-Werkstatt