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⇒ EINE KLEINE GESCHICHTE
DES OLIVENANBAUS IN DEUTSCHLAND



(artefactSONDERZEICHENaol.com)



TAGEBUCH 2008     TAGEBUCH 2009

04. Januar 2010. Einige der Bäume verlieren Blätter - vor allem Koroneiki und jene Leccino, die nach dem Winter 2008/09 nur aus dem unteren Stammbereich neu ausgetrieben hatten.
In der vergangenen Nacht bei Außentemperatur von -3,9 Grad ein Temperaturgewinn von 3,5 Grad unter den Vliesen! Für kommende Woche bis -18 Grad angekündigt. Mal schauen, was daraus wird!

07. Januar 2010. Traurig: Koroneiki - eine wunderschöne, leider aber als frostempfindlich bekannte Sorte - hat einen tiefen Daisysenkrechten Riss unten am Stamm von etwa 7 cm Länge bekommen. Auslöser ist ein gekappter, vernarbter Astansatz (Wasser eingesickert und gefroren?). Dazu hat die Pflanze noch einige kurze klaffende Risse an jungen Zweigen. Ich versorge mit Wundbalsam und umwickle mit Bast.

09. Januar 2010. "Daisy" konnte kräftig zuschlagen und die Vliestunnels unter Schneelast begraben. Die Oliven blieben dabei jedoch unbeschädigt und das Vlies ist bei sechs Tunnels mit je vier Pfosten nur an einer Pfostenauflage ca. 20 cm eingerissen. Die Federstahlstäbe waren völlig verbogen, mit bis zu drei Knicks von etwa 90 Grad - ließen sich aber problemlos wieder in die alte Position zurückbringen. Auf dem Foto sieht man hinter dem von Schnee eingedrückten Tunnel eines, das ich bereits ausgegraben und wieder hergerichtet habe.

20. Januar 2010. Die für Januar immer wieder angekündigten Tiefsttemperaturen blieben bislang aus, unter den Vliesen ausgeglichene Temperaturen bis minimal -2 Grad. Seit einigen Tagen Tauwetter. Unter der Schneelast und bei Winddruck hat sich besonders das engere und niedrige Tunnel (1.40 m Höhe, 1.90 m Breite - hier stehen nur kleinere Pflanzen) gut bewährt sowie das hauszeltartige Tunnel bei dem ich das Vlies nur über die Pfosten und die Rolladengurtverspannung geworfen und durch groben Mulch von den Pflanzen abgehalten habe. Bei den anderen sind die Federstahlstäbe teilweise erheblich verbogen, was sich aber wieder "hinbiegen" läßt.

25. Januar 2010. Stammrisse unten bei Pendolino, Ascolana, Maurino und einem schwachen Leccino bei feuchter Witterung und Temperaturen um den Gefrierpunkt. Stresssymptom? Mit Bast umwickelt und Rindensalbe drüber, dann alle Stämme in Vlies eingepackt bis 50 cm Höhe. Hatte das bislang unter Vliestunnels/Vliesiglus für überflüssig gehalten, bin auch nicht sicher, ob es etwas hilft. Vergangenen Winter gab es dieses Phänomen nicht bzw. nur an dünnen Zweigen bei tiefem Frost.

28. Januar 2010. Welch ein Winter! In der Nacht vom 26. auf den 27. Januar zum zweiten Mal Frost im zweistelligen Minusbereich (außen -12, unter Vlies -6). Heute zum dritten Mal die Vliestunnels unter Schnee/Schneeverwehungen freigegraben. Bei den Iglus gibt es nichts zu tun. Im nächsten Winter also die Tunnels enger/steiler bauen, damit der Schnee besser abrutschen kann. Und wenn es dann statt Schnee nur Stürme gibt? Da hilft nur "flexible response".

Eines hat die Klimadebatte bislang - neben einer massiven Mittelstandsförderung im Bau- und Installationshandwerk u.ä. - auf jeden Fall gebracht: Man bekommt nun, bei entsprechender Recherche, gute Materialien für eine eigene Wetterentwicklungsabschätzung. Auf die Extremfrostnächte war ich dank http://www.wetter24.de/ vorbereitet.

14. Februar 2010. Ich habe es aufgegeben, mir die Namen der Tiefs seit "Daisy" zu merken, die meine Vliestunnels unter Schnee begruben. Ich beschäftige mich wieder intensiver mit Klimageschichte und bin überzeugt, dass in der Römerzeit - und vermutlich auch während des mittelalterlichen Temperaturoptimums - Olivenbäume in Deutschland standen. Hildegard von Bingen empfiehlt Olivenblättertee bei Verdauungsproblemen. Ich halte es eher für unwahrscheinlich, dass sie sich die Blätter aus Italien kommen ließ (obgleich die Klöster gewiss intensive "interkulturelle" Kontakte pflegten). Kannte Hildegardis vielleicht Olivenbäume aus ihrem direkten Umfeld? Die "kleine Eiszeit" ab dem 15. Jahrhundert hat davon, sollte es so gewesen sein, nichts mehr übergelassen.

Vliestunnels20. Februar 2010. Winter ade? Pünktlich zum Faschingsende setzte Tauwetter ein. Allerdings hat es in diesem Winter schon öfter mal Tauwetter gegeben. Was also? Ich habe zumindest einmal angefangen, die Bäume unter dem Vlies mit Goldrute-Ansatz zu besprühen, da bei einigen die Blätter leicht eingerollt sind, vor allem bei denen, die Stammrisse bekommen haben. Wenn jetzt der StoffÖlheizungwechsel wieder anspringt, sollen sie mir nicht vertrocknen.

Kerzen und Öllichter habe ich auch eingesammelt (Foto rechts). Mit extremen Minustemperaturen rechne ich nicht mehr - zudem wärmt sich tagsüber nun der Boden unter den Vliesen kräftig auf, das schafft auch einen Puffer für die Nacht. Das ganze Jahr wird den Langfristprognosen zufolge eher kühl - ich hoffe, das bezieht sich wie im vergangenen Sommer vor allem auf die Nächte.

27. Februar 2010. Die ersten warmen Frühlingstage bringen Trauriges zutage: Ein großer Teil der optisch gut durch den Winter gekommenen Blätter rollen sich nun ein, verfärben sich braun. Ist also wieder in den jungen Zweigen das Kambium erfroren? Nur die beiden Bäume, die im Zelt standen, stehen nach wie vor gänzlich ungetrübt da. Wie lange noch? Für morgen ist ein Orkan angekündigt, wir haben gerade das Zelt abgebaut, das schon gestern bei den Sturm-Vorboten leicht eingeknickt ist. Nun bleibt nur zu hoffen, dass kein weiterer Frost kommt.

28. Februar 2010. Xynthia hat es geschafft, drei von den Stützpfählen zu knicken - vermutlich weil der Wind ein am Boden liegendes Vlies dagegen pressen konnte. Bäume sind nicht erkennbar geschädigt. Aber einige sind nun kahl, haben (fast) alle Blätter verloren. Und für die kommenden Nächte ist Frost bis -5 Grad angesagt.

05. März 2010. Weitere bislang widerständige Blätter neigen bekümmert ihr Haupt und frische Blattknospen sind erfroren. Vergangene Nacht gab es eine besonders schwierige Wetterlage, die mir bisher erspart geblieben war: Frostig bis -7 Grad und dazu sehr windig. Olivenkillerwetter, gegen das meine Schutzmittel machtlos sind. So sank schon am Abend gestern nach einem Sonnentag die Temperatur unter den Vliesen und in den inzwischen zwei Zelten auf das Niveau der Außentemperatur. "Heizen" macht unter diesen Bedingungen nur eingeschränkt Sinn. Für die Propfungen im großen Zelt hatte ich 10 Kerzen aufgestellt. Damit sank die Temperatur innen immerhin nur auf -2 Grad. Eine Gasheizung/Zeltheizung unter einem Vlies brachte wenig Effekt: -5 Grad Minimaltemperatur in der direkten Umgebung.

Januartemperaturen 2010Dieser Winter war/ist dramatisch für meine Oliven: Im Januar lange feucht bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, was 2-4jähriges Holz teilweise sprengte. Nun Anfang März trockener Frost mit Wind, der 1-jähriges Holz, Blätter und neue Blattknospen gefrieren und austrocknen lässt.

Und die Prognosen? Stürmisch bei weiterhin frostigen Temperaturen. Allerdings steht Europa recht einsam da mit diesen Minusabweichungen. Wie die NASA-Karte zu den Januartemperaturen andeutet, liegt rings um uns derzeit eine Welt von Plusabweichungen (sehr zum Leidwesen der Kanadier bei der gerade vergangenen Winterolympiade). Ein Teil davon geht jedoch auf das Konto von El Nino.

09. März 2010. Es ist 23 Uhr und ich komme gerade vom Hain, wo ich nun wohl zum letzten Mal in diesem Winter Vliese nach stürmischen Winden festgezurrt und ein paar Kerzen bei Problembäumen aufgestellt habe. Ein seltsam melancholisches Gefühl. Natürlich war es eine Schinderei mit diesem Winter, ich habe einige andere wichtige Dinge vernachlässigt in den vergangenen drei Monaten.  Und doch verdanke ich der Schinderei auch zauberhafte Naturerfahrungen und umwerfend schöne Bilder von den Vliestunnels bei Nacht mit Kerzenflackern, von silbrig schimmernder Winterlandschaft unter Sternen, unter düsteren Wolken, im Schneetreiben. Heute aber kein Schneetreiben, sondern das deutliche Versprechen von Tauwetter. Dem definitiven doch wohl.

Der frostige und lange Winter in Europa hat auch einen signifikanten Effekt auf die Nutzung meiner Website: Seit einigen Tagen kommen fast lawinenartig Zugriffe aus Griechenland und Spanien - Frostschutz für Olivenbäume und die Auswahl frostresistenter Sorten könnte auch in südlichen Ländern zu einem Thema werden.

11. März 2010. Grandioses Tauwetter: -8 Grad in der vergangenen Nacht! "Im Märzen der Bauer ...." - aber das war vor dem Klimawandel. Aufgeben werde ich noch nicht - Innovationen entstehen auch an Widerständen.

19. März 2010. Nun aber. Alle Ensemble-Prognosen sprechen dafür und wir bauen Zelte und Vliestunnels endgültig ab für diesen Winter. Fünf Meter breite Vliesbahnen von 25 Metern Länge sind nicht ganz einfach zu handhaben - zumal immer wieder Käfer und Raupen gerettet werden müssen, die es sich im Kuschelvlies gemütlich gemacht haben. Das Vlies (85 Gramm/qm) hat gut gehalten, Respekt. Ob der Aufwand sich gelohnt hat, weiß ich nicht. Es hängen zwar noch mehr Blätter an den Bäumen als im vergangenen Jahr - aber die Stämme sind teilweise in desolatem Zustand, warzig, rissig, braun verfärbt, und die Blätter verschrumpelt und braun. Optimal bewältigt haben den Winter fünf Pflanzen, darunter die beiden im großen SteilwandzeltPropfung Oliven und eine im vergangenen Winter bis zum Boden abgefrorene Pflanze mit ihren Jungtrieben, die unter Mulch heil überstanden hat!  Von den Zeltpflanzen besonders wichtig ist der Leccino mit Profungen Leccio del Corno, Bianchera und Grappolo (Foto links). Er musste nie Temperaturen unter -5 Grad erleben und war auch gegen Wind optimal geschützt. Eine Überraschung ist jedoch die Mulchpflanze, denn die Jungtriebe stammten aus der Unterlage, aus der frostempfindlichen Wildolive (Foto rechts). Sie stand in einem Vliestunnel und war zusätzlich geschützt durch einen übergestülpten, großzügig durchbrochenen Gartenkorb, der mit einer 20 ZentimeteMulcheffektr starken Mulchschicht eingehüllt war. Was eine gängige Überzeugung widerlegt, dass nämlich Oliven im Winter nicht dunkel gestellt werden dürften. Diese Pflanze hat drei Monate lang nur das durch Vlies, Mulch und Korb reduzierte Licht abbekommen. Und die Blätter stehen da im blendenden Olivgrün an vital wirkenden Zweigen! (Die braunen Blätter in der Mitte gehören zu einem schwach entwickelten Bianchera-Propfling.)

25. März 2010. Die erste Zauneidechse kam zur Begrüßung angekrabbelt, als ich gerade die Vliese einsammelte, die zum Trocknen auslagen. Die Vliese riechen wie Kaninchenstall. Ich vermute mal, das ist der Duft der Mäuse, die sich in meiner Anlage im Winter ganz wohl fühlten. Beim Besprühen der Oliven mit Goldrute-Ansatz (anti-fungizid und allg. stärkend) wird durch die Feuchtigkeit deutlich, wie stark das Stammholz vieler Bäume geschädigt/fleckig ist.

16. April 2010. Aus dem italienischen Baumschulenzentrum Pescia (Nordtoskana) habe ich mir zwei Leccio del Corno und zwei Bianchera im Fluggepäck mitgebracht und heute gepflanzt. Es war mir unmöglich, eine Versandmöglichkeit aus Italien nach Deutschland zu finden, UPS wollte 240 Euro, GLS Italien versendet keine Pflanzen ins Ausland.

Vorläufige Bilanz Winter 2009/2010: Gut überstanden haben den Winter von 33 Pflanzen nur eine Wildolive unter Mulch (s.o.), eine Olive unbekannter Sorte (Ikea - als Propfgrundlage gepflanzt), zwei Leccino (davon einer im Zelt), zwei O. Seggianese (davon eine im Zelt), eine Ascolana (perfekt! - die zweite jedoch vollkommen erfroren!) und die Propfungen von Leccio und Bianchera (im Zelt). Sie haben alle noch immer intakte Blätter und weitgehend gesunde Stämme und/bzw. Zweige.

23. April 2010.  Der erste Schwalbenschwanz in diesem Jahr!

16. Mai 2010.  An den Oliven, denen grüne Blätter geblieben sind, zeigen sich erste neue Blattknospen und frische Blättchen! Von den abgestorben wirkenden Oliven sind viele mit Rußpilz überzogen - ist es das, was nach dem Frostwinter 1984/85 in Italien und Frankreich als "Feuerbrand" bezeichnet wurde?

22. Mai 2010. Auch von den geschädigten Individuen zeigen einige nun schon Neuaustrieb aus der Veredelung, Neuaustrieb Seggianese 2010teilweise sogar weit oben an Stamm und Zweigen. Allerdings nur Leccino und Seggianese - letztere aus Holz in äußerlich desolatem, rissig-warzigem Zustand (Foto links)! Maurino, Aglandaou, Pendolino, Koroneiki und die Propfung von Grappolo schweigen oder melden sich nur aus der Unterlage.

Was auffällt: Am besonders stabilen, einzelstehende Leccino sind doch auch Zweige teilweise erfroren - vor allem auf der Westseite. Er ist allerdings nach Osten auch vitaler im Wuchs, wie andere Oliven und mein Nussbaum auch - was offensichtlich eine Reaktion auf den häufigen starken Westwind ist.

06. Juni 2010 Kein Zweifel: Das Überleben der Oliven im Winter hängt auch stark vom Bodenzustand ab. Direkt neben der außerhalb des Zeltes stehenden Seggianese, die optimal dasteht, entwickelt sich nun auch der vitalste, chlorophyllreichste Fenchel des Geländes. Was gibt es hier besonders? Magnesium? Kalium? Eisen? Stickstoff?

10. Juli 2010 Das heiße Wetter tut den Oliven gut, sie entwickeln sich schön, auch wenn im Vergleich zum Vorjahr weiterhin ein Nachhinken auch bei gesunden Bäumen von mindestens zwei Wochen wahrnehmbar ist.

Mehr Pflanzen als erwartet treiben nun doch noch im Stammbereich aus. Aus den Wurzelbereichen kommen sehr unterschiedliche Triebe, teilweise ganz offensichtlich nicht KoroneikiWildolive. Was dafür spricht, in Deutschland zunächst nur mit wurzelechten Pflanzen zu arbeiten.

Meine ehemals ausgesucht schöne Koroneiki ist zwar im Stamm tot, aber aus der Wurzel treibt sie massiv und zweifellos als Zuchtform (Foto links) - auch wenn ich noch nicht beurteilen kann, ob das Koroneiki oder eine andere Sorte ist, was da kommt.

Bei den Leccino scheine ich wurzelechte (Becker) und veredelte (Flora Toskana) Pflanzen zu haben. Das Foto Leccinorechts zeigt eine veredelte Pflanze. Aus der Unterlage treibt die dunkelgrüne Wildolive mit kleineren Blättern, oben am Stamm die hellere, großblättrigere Leccino-Veredelung. Auffallend zweierlei: Der offensichtlich geschädigte Stamm (erkennbar an dem sehr späten Austrieb) gewinnt Vitalität zurück. Daneben zeigen die (bislang nur drei) Triebe am Stamm sehr schön den für Leccino typischen spontanen pyramidalen Aufbau, die "Tannenform".